Ein Buch schreiben #2 – Aus den Schatten ins Licht

Wenn ich eine Geschichte finden will, gehe ich übers dunkle Feld. Wenn ich Figuren finden möchte, muss ich aufpassen, wer aus dem Dunkel tritt.

Es ist nämlich beim Schreiben nicht anders als im wirklichen Leben: Man sollte nicht einfach mit dem Erstbesten eine Reise unternehmen. Für mich sind die Figuren ebenso wichtig wie die Story, beides bedingt sich. (Das ist nicht so selbstverständlich wie es einem zunächst vorkommt; manche Erzählweisen verlangen Figuren, die eher Typen sind, eher Vertreter ihrer Gattung, als Individuen. Mich interessiert das nicht besonders. Deshalb ist eine auf die Handlung fokussierte Erzählweise aber nicht schlechter oder besser als eine figurenzentrierte.)

Wie komme ich nun zu meinen Figuren? Oder sie zu mir? Ich kenne bereits den Kern meiner Geschichte, es ist ein historischer Stoff, ein echtes Abenteuergarn mit Räuberbanden, Verrat und Verfolgung, mit Folter und Tod am Galgen – es ist dabei eine wahre Geschichte und hat sich zugetragen im 18. Jahrhundert. Als mir der Mann die Geschichte in den Kopf pflanzte, wusste nicht nur sofort, dass ich sie erzählen muss. Sondern auch, dass es ein Jugendroman werden würde – oder zumindest ein Buch mit jugendlichen Protagonisten. Ich begann noch in der Nacht mit der Recherche. Und schon standen sie da, die Schatten, versammelten sich um mein Bett, wo ich mit dem Tablet lag und sie heraufbeschwor aus dem Netz. Denn ein historischer Stoff hat ja schon Figuren, ich war in kürzester Zeit umstellt. Was also tun? Alle Lichter anmachen und erst einmal die gesamte Mannschaft zurückschicken ins Dunkel, in die Ecken, unters Bett, hinter die Vorhänge – und warten, wer wirklich etwas von mir will. Ich schlief die nächsten zwei Wochen bei voller Beleuchtung und ziemlich schlecht, aber es ging nicht anders.

Zu Beginn schreibe ich nichts auf, mit voller Absicht. Keine Idee, keinen Plotschlenker, keine Figurenbiografie. Es ist ein Filter: Was gut ist, kommt wieder. Darauf vertraue ich. Es ist nämlich ein Irrtum, dass die ersten Einfälle immer die besten sind. Es kann natürlich sein, aber oft sind es nur die lautesten. Die, die am meisten aufgeladen sind. Die, die man so oder so ähnlich einfach schon kennt. Der erste Einfall ist oft nur eine verkleidete Konvention. Sie nimmt einen rasch bei der Hand und führt einen auf ausgetretenen Pfaden durch eine bequeme Story und zwar ohne, dass man es bemerkt. Alles fließt, die Geschichte erzählt sich praktisch von selbst. Und dann merkt man irgendwann, was für ein letztlich belangloses Zeug man da produziert. Wenn man es denn selbst merkt und nicht – Gott bewahre! – gesagt bekommt. Ich habe kartonweise solche belanglosen Fragmente hier, als Mahnung gewissermaßen, und ich schwöre, ich habe noch viel viel mehr nie ausgedruckt, sondern gleich wieder gelöscht. Kann sein, dass man sich dieses Zeug erst aus dem Kopf schreiben muss. Kann auch sein, dass ich einen längeren Weg zu einer Geschichte gehen muss als andere.

Ich glaube jedenfalls, dass die etwas schwierigeren Zusammenhänge, die etwas komplexeren Figuren nicht vorpreschen. Aber wenn man auf sie trifft (weil man beharrlich geblieben ist und sich nicht hat ablenken lassen vom Geplapper des konventionellen Figurenensembles – oder weil man einfach nur lang genug das Licht angelassen hat), dann ist das wie eine plötzliche Verliebtheit. So geht es mir: Ich bin ganz aufgeregt, alles an der Person interessiert mich, ich will alles über sie wissen, über ihre Vergangenheit, über ihre Träume. Ich bin fasziniert davon, wie sie spricht oder beim Zähneputzen die Augen schließt, von Haaren, Ohren, Fingernägeln. Und dann steht ein Mensch an meinem Bett und kein Schatten und ich lege das Tablet weg und nehme das Notizbuch und schreibe. Manchmal einen Namen, aber oft etwas ganz anderes, zum Beispiel: Sie versucht ihre großen Füße vor mir zu verstecken, dabei hätte ich nicht darauf geachtet, wäre sie nicht so ungeschickt.

Meine Protagonistin ist ein junges Mädchen, das ich gerade erst kennenlerne und ja, sie hat große Füße. Und ein großes Herz – davon demnächst mehr.

 

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2 Gedanken zu “Ein Buch schreiben #2 – Aus den Schatten ins Licht

  1. Ich habe sehr großen Respekt vor Euch Schreibenden!
    Übrigens hat der dtv-Verlag heute für „Nach den Fluten“ auf fb Werbung gemacht :)!

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