Ein Buch schreiben #1 | Das dunkle Feld

Ich habe ein neues Projekt angefangen und dachte mir, ich lasse euch da draußen dieses Mal am Prozess teilhaben. Worauf das genau hinausläuft, ich weiß es nicht. Ein Schreibtagebuch soll es jedenfalls nicht werden und auch kein Ratgeber, es braucht auch eigentlich keine Form, sondern nur einen Anlass.

Inzwischen ist es so, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich nicht schreibe. Während der langjährigen Arbeit an Zwölf Wasser, habe ich immer wieder längere Schreibpausen eingelegt. Aus verschiedenen Gründen. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich dann nicht arbeite, ich muss immer arbeiten. Aber dann texte ich, ich schreibe nicht. Der Unterscheid zwischen einem Auftragstext und einem Manuskript ist gewaltig, vor allem was die unmittelbare Auswirkung auf meine Gemütsverfassung angeht. Die einfache Formel: Schreiben macht glücklich, texten bringt Geld. Ein Tag, an dem ich nicht schreibe, kann sehr sehr schön sein, er ist jedoch nie wirklich gut. Ein guter Tag ist einer, an dem ich drei Seiten geschrieben habe. Ein fantastischer Tag ist einer, an dem ich drei oder fünf Seiten schreibe, einen langen Strandspaziergang mache, anschließend ein Nickerchen, dann nochmal drei Seiten schreibe, dann ein gutes Essen koche und später nochmal einige Sätze zustande bringe – eventuell nur noch einen Gedanken festhalte, der mir beim Kochen kam. Und an den ich am nächsten Morgen wieder anknüpfen kann. Ich habe natürlich auch noch so etwas wie ein Sozialleben, habe Familie, Freunde – aber hier geht’s ja ums Schreiben und der ideale Schreibzustand ist der gerade beschriebene. Dahin zu kommen, ist nicht immer einfach. Ganz abgesehen von den alltäglichen Widrigkeiten und Verpflichtungen (Haushalt oder Steuererklärung machen, Ärger mit dem Provider, silberne Hochzeit der Tante), braucht es auch etwas, worüber man schreiben kann: ein Thema, eine Idee. Eine Story, die es wert ist erzählt zu werden. Solche Geschichten wachsen auf dem dunklen Feld.

Ich gehe über ein dunkles Feld, wenn ich eine Geschichte suche. Nein, stimmt nicht. Ich suche sie eigentlich nicht, ich stolpere irgendwann darüber. Aber dazu muss ich mich in Bewegung setzen, ich muss losgehen, ich erwarte nicht, dass die Geschichte sich mir auf den Schoß setzt. Die Erde, über die ich gehe ist dunkel und der Himmel über mir ist auch dunkel. Es ist wirklich so, ich stelle mir das ganz genau vor: Vor sechs in der Frühe wache ich auf – ganz automatisch und obwohl ich eigentlich todmüde bin, es ist diese Unruhe – und halte die Augen geschlossen und gehe über das dunkle Feld meiner Gedanken. Ich finde lange nichts außer Stoppelfeldern, von andern abgeerntete Flächen. Das kann viele Morgen so gehen, ich weiß, da ist etwas. Aber ich finde nichts. Ich spüre nur die harten Stoppeln unter den Fußsohlen und die feste, ganz und gar verdichtete Erde, mit der ich nichts anfangen kann.

Die Themen, die Ideen wachsen zwar auf dem dunklen Feld. Aber sie kommen nicht aus mir. Jemand (oder etwas) muss sie dorthin säen. Das geschieht tagsüber. Manchmal merke ich es sofort, stell mich neben das Samenkorn und bewache es, bis ich dann wiederkommen, es wässern und hegen kann. Manchmal laufe ich lange durch die Dunkelheit, bis ich mit einem Mal auf eine schon recht ausgereifte Idee treffe. Ich ernte nicht sofort, ich merke mir die Stelle – auch hier werde ich beizeiten wiederkommen, viele Male, bis ich die Geschichte Stück für Stück, Satz für Satz, vom dunklen Feld meiner Gedanken auf den hellen Schirm meines Rechners übertragen habe.

Auch bei dem neuen Projekt wusste ich sofort: Das kann etwas werden. Der Mann erzählte mir eine Geschichte – er erzählt mir oft etwas, meist Historisches oder Politisches aus fernen Ländern – und pflanzte sie mir direkt ein. Es war kein Samenkorn, sondern bereits ein kräftiger Schössling. Denn es ist eine wahre Geschichte, es ist bereits geschehen, und das ist der besondere Reiz. Auch, die besondere Herausforderung. Davon demnächst mehr.

 

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Ein Gedanke zu “Ein Buch schreiben #1 | Das dunkle Feld

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