Das Schreiben seltsamer Geschichten | H.P. Lovecraft sagt, wie’s geht

„Wenn du dann mal was anderes als Fantasy schreibst …“ – so beginnen oftmals Gespräche über mein Schreiben, denen ich mich inzwischen nicht mehr verpflichtet fühle zu folgen. Nicht einmal aus Höflichkeit. Ich steige sofort aus.

Ja, ich weiß sehr wohl, dass die Phantastik nicht jedermanns Sache ist, und ich will nicht darüber jammern. Oder gar den einen hohlen Dummkopf schimpfen, der sich im Genre und seinen vielen Subgenres nicht auskennt (aber dennoch meint, mir Ratschläge erteilen zu können). Ich halte mich lieber an jemanden, der weiß wie’s geht: H.P. Lovecraft. Der Meister des Unbehagens, der weird fiction, hat sich nämlich immer wieder ausführlich zum Thema geäußert und auch dazu warum er das schreibt, was er schreibt. Dem schließe ich mich vollumfänglich an. Und damit ein für alle Mal Ruhe ist, habe ich einen solch klugen, unterhaltsamen und lehrreichen Essay Lovecrafts übersetzt. Darauf kann ich zukünftig verweisen und dort kann dann jeder Dummkopf nachlesen und sich schlau machen wie das so ist mit dieser Fantasy. Außerdem ist der Essay eine ganz hervorragende Schreibanleitung für all die sympathischen Irren, die wie ich nun mal dem Wundersamen, Merkwürdigen und Seltsamen verfallen sind und sich darin versuchen. Es folgt also H.P. Lovecrafts erhellende Abhandlung Notes on writing Weird Fiction – frei übersetzt von mir.

Ich möchte ausdrücklich erwähnen, dass ich mir den Text passend gemacht habe – ich habe gewissermaßen die Ärmel umgenäht -, ohne ihn zu sehr zu entstellen. Weiter unten folgt dann auch ein Link zum Download als .pdf. Der Text kann gern weiter verbreitet werden, ich bitte lediglich darum, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken oder irgendwie Geld für meine Übersetzung zu verlangen. Danke.


 

Über das Schreiben seltsamer Geschichten

ein Essay von H.P. Lovecraft

frei übersetzt und sich angeeignet von E.L. Greiff

 

Ich schreibe Geschichten, weil ich mir auf diese Art und Weise selbst eine Freude machen kann: Ich bekomme einen klareren, detaillierteren und dabei festeren Blick auf das Ungefähre – nämlich auf die fragmentarischen Eindrücke des Wunderbaren, der Schönheit und einer nahezu abenteuerlichen Erwartungshaltung, die mich ergreift, wenn ich bestimmte Ideen, Situationen und Bilder (wieder)erkenne. Dieses Erkennen kann mir durch eine Szenerie, durch Architektur oder eine Atmosphäre vermittelt werden – den Bildern und Ideen begegne ich in der Kunst und der Literatur.

Ich wähle das Phantastische oder Seltsame als meine Erzählheimat, weil es meinen Neigungen am ehesten entspricht – einer meiner größten und hartnäckigsten Wünsche ist es (wenigstens kurzfristig), die nachgerade erniedrigenden Begrenzungen von Zeit und Raum wenn nicht zu sprengen, so doch zu dehnen. Die Naturgesetze, die uns für immer einsperren und uns immer wieder unsere Neugierde vergällen auf die unendlichen kosmischen Weiten außerhalb unseres Gesichtskreises und unseres analytischen Verstandes, möchte ich auf diese Weise gern brechen. Solch seltsame Erzählungen betonen häufig ein Horror-Element, denn Furcht ist unsere tiefste und älteste Emotion. Zudem diejenige, die sich am besten dazu eignet, eine die Naturgesetze verleugnende Illusion zu erzeugen. Horror und das Unbekannte (oder Fremde) hängen immer eng zusammen. Deshalb ist es auch schwierig, das Bild eines zertrümmerten Naturgesetzes oder einer kosmischen Außerweltlichkeit zu erzeugen ohne dabei einen Schwerpunkt auf die Furcht zu legen.

Warum die Zeit eine so große Rolle in vielen meiner Erzählungen spielt? Meiner Meinung nach ist sie das dramatischste und grausamste Ding im gesamten Universum. Der Kampf gegen die Zeit scheint mir das stärkste und ergiebigste Thema allen menschlichen Gebarens zu sein.

Während also meine Erzählheimat offensichtlich nicht jedermanns Zuhause sein kann und vielleicht auch recht klein ist, so hat sie doch Bestand und ist so alt wie die Literatur selbst: Schon immer wurden seltsame Geschichten erzählt. Und es wird immer eine kleine Anzahl von Menschen geben, die eine brennende Neugierde nach dem Weltraum umtreibt sowie ein brennendes Verlangen danach, diesem Gefängnis des Altbekannten zu entfliehen. Menschen, die aufbrechen zu Reisen in die verzauberten Lande unglaublicher Abenteuer und unendlicher Möglichkeiten, die sich in unseren Träumen ausbreiten und von denen wir manchmal eine Ahnung bekommen beim Wandern durch einen tiefen Wald, dem Anblick eines fantastischen urbanen Bauwerks, während eines flammenden Sonnenuntergangs.

Meine kleine Erzählheimat teile ich mit großen Autoren: H.P. Lovecraft, Edgar Allan Poe, Algernon Blackwood oder auch Karl Edward Wagner, Laird Barron, Jeff VanderMeer, China Miéville, Neil Gaiman, Stephen King, Ursula K. Le Guin und Nnedi Okorafor.

Wie ich nun diese seltsamen Geschichten schreibe? Da gibt es nicht den einen Weg. Ein oder zwei Mal habe ich buchstäblich einen Traum aufgeschrieben; aber normalerweise beginne ich mit einer Stimmung, die ich ausdrücken möchte oder einem Bild, das ich beschreiben will. Ich lasse es in meinem Kopf kreisen, bis mir einfällt, wie ich es geschickt in eine Kette dramatischer Ereignisse einfügen und konkret aufschreiben kann. Dabei gehe ich in Gedanken eine Liste mit Rahmenbedingungen und Situationen durch, die am besten zu einer solchen Stimmung oder einem solchen Bild passen würden und fange an zu spekulieren: Welche logische und natürliche Erklärung könnte es dafür geben, zieht man die entsprechenden Rahmenbedingungen und Situationen in Betracht? Der eigentliche Schreibprozess ist natürlich so verschieden wie die Themenwahl und die ursprüngliche Konzeption. Aber wenn man die Entstehungsweise aller meiner Erzählungen analysiert, kann man eventuell die folgenden Regeln ableiten:

  1. Mach einen Plotplan: Schreib eine Zusammenfassung oder einen Ablauf der Ereignisse – in der Reihenfolge des Geschehens, nicht der späteren Erzählung. Beschreibe so ausführlich, dass alle wichtigen (Wende)Punkte abgedeckt werden und alle geplanten Ereignisse motiviert sind. Einzelheiten, Kommentare und das Abschätzen von Konsequenzen können auch ihren Platz im Plotplan bekommen.
  1. Mach einen zweiten Plan und ordne dieses Mal die Geschehnisse in der Reihenfolge des Erzählens. Sei ausführlicher, genauer, und füge Notizen zu Perspektivwechseln, Spannungsmomenten und Höhepunkten an. Pass dabei den ursprünglichen Plotplan an, wenn die Veränderungen Dramatik und Wirksamkeit der Erzählung erhöhen. Füge also Begebenheiten ein oder streiche sie und fessle dich nicht an die ursprünglichen Konzeption – selbst wenn später etwas ganz anderes herauskommt als geplant. Lass den Wandel zu.
  1. Schreibe die Geschichte – schnell, flüssig und nicht zu kritisch – und folge dabei dem zweiten Plan. Ändere Begebenheiten und Handlungsverlauf wenn es dir notwendig erscheint und binde dich auch hier nicht zu fest an deine vorhergehenden Entwürfe. Wenn die Entwicklung plötzlich neue Möglichkeiten eröffnet, die Geschichte dramatischer oder lebendiger zu erzählen, ergänze was auch immer sich anbietet. Geh zwischendurch zurück zum Plotplan und passe ihn an die neuen Wendungen ein. Wenn nötig oder erwünscht: Füge komplett neue Passagen ein oder streiche sie, probiere verschiedene Anfänge und Enden aus bis alles passt. Dann streiche all die überflüssigen Worte, Sätze, Abschnitte oder Episoden und achte dabei auf die Logik bzw. Vereinbarkeit aller inneren Bezüge.
  1. Überarbeite den gesamten Text und achte auf die Wortwahl, auf Satzbau, Rhythmus, das Verhältnis bestimmter Abschnitte zueinander, den Tonfall, anmutige und überzeugende Übergänge (z.B. von Szene zu Szene, von detaillierter Beschreibung zu schneller, raffender Action). Prüfe außerdem Anfang, Ende und Handlungsverlauf auf Effizienz und frage dich, ob der Text spannend ist und Anteilnahme zulässt, ob er plausibel ist und die Atmosphäre stimmt.
  1. Bring das Ganze in eine ansprechende Form – ohne dabei zu viel zu formatieren. Du kannst immer noch Verbesserungen anbringen!

Ich gestehe: Ich folge nicht immer genau diesen 5 Punkten. Die ersten Phasen des Schreibprozesses sind oft nur mental; Rahmenbedingungen und Ereignisse arbeite ich im Kopf aus und setze mich erst zum Schreiben hin, wenn ich wirklich einen detaillierten Plotplan (in der Reihenfolge der Erzählung) notieren kann. Manchmal beginne ich sogar mit dem Schreiben bevor ich weiß, wie ich die Idee eigentlich entwickeln soll – dieser Anfang formt dann das Problem, das erforscht und motiviert werden muss.

Es gibt, denke ich, vier unterschiedliche Arten der seltsamen Geschichte. Eine drückt eine Stimmung oder ein Gefühl aus, eine zweite eine bildliche Vorstellung. Eine dritte Art beschreibt eine allgemeine (gesellschaftliche) Situation oder Bedingung, eine Geisteshaltung oder Legende. Die vierte Kategorie beschreibt ein bestimmtes Tableau oder eine spezifische dramatische Situation bzw. deren Zuspitzung.

Eine andere Möglichkeit seltsame Geschichten in Kategorien einzuteilen wäre die Zuordnung zu zwei verschiedenen Gruppen: Eine, in der das Wundersame oder Unheimliche sich direkt auf die Umstände oder ein Phänomen bezieht. Und die andere, wo es die Handlungen von Personen in Zusammenhang mit seltsamen Begebenheiten oder Phänomenen betrifft.

Jede seltsame Geschichte – und insbesondere die vom Horror-Typus – scheint fünf bestimmte Elemente zu beinhalten:

  1. einen unheimlichen Grundtenor
  2. die grundsätzlichen Auswirkungen oder Effekte des Unheimlichen/ des Horrors
  3. die Art und Weise der Manifestation des Unheimlichen (das Objekt, das den Horror verkörpert; die Phänomene, die beobachtet werden)
  4. die Arten der Angst (die Reaktionen auf den Horror)
  5. die besonderen Auswirkungen des Unheimlichen/ des Horrors auf die gesetzten Rahmenbedingungen

Wenn ich eine seltsame Geschichte schreibe, bemühe ich mich immer um die richtige Stimmung und Atmosphäre und setzte entsprechende Schwerpunkte. Man kann nicht einfach – außer in unreifer Schundliteratur – eine ganze Reihe unmöglicher, unangemessener oder undenkbarer Phänomene als ganz gewöhnliche Erzählung normaler Handlungen und Emotionen präsentieren. Unglaubliche Ereignisse und Umstände müssen ein Handicap überwinden; dies ist nur zu erreichen, indem durch den gesamten Handlungsverlauf hinweg ein gewisser Realismus erhalten bleibt – mit Ausnahme eben jenes Wundersamen. Dieses Wundersame muss eindrucksvoll und sehr bewusst abgehandelt werden, mit einem sorgfältigen, emotional nachvollziehbaren Aufbau. Wenn nicht, wird alles flach und wenig überzeugend. Das Wundersame ist die Hauptsache der seltsamen Geschichte und sollte deshalb seinen Schatten auf alle handelnden Personen und Ereignisse werfen. Dabei müssen Personen und Ereignisse absolut glaubwürdig und natürlich bleiben – außer in dem Moment, in dem sie Kontakt haben zum Wundersamen. In Bezug zum zentralen Wunder der Geschichte sollten alle Charaktere genauso überwältigt sein, wie Menschen im echten Leben es wären. Kein Wunder ist selbstverständlich. Sogar wenn die Charaktere sich an ein Wunder (bzw. das Wundersame) gewöhnt haben könnten, webe ich immer noch ein wenig Staunen ein – entsprechend dem, was der Leser/ die Leserin fühlen sollte. Ein lässiger Stil ruiniert jede ernsthafte Fantasy.

Atmosphäre, nicht Action, ist das vornehmliche Ansinnen von weird fiction. Und wirklich: Das Beste, was eine seltsame Geschichte je sein kann, ist ein lebhaftes Abbild einer ganz bestimmten menschlichen Stimmung. Sobald sie versucht mehr zu sein, wird sie billig, kindisch und unglaubwürdig. Das Hauptaugenmerk (beim Verfassen) sollte auf der Suggestion liegen: unmerkliche Hinweise und der Hauch ausgesuchter Details schattieren Stimmungen und errichten so die vage Illusion einer fremdartigen Realität, des Unrealen. Vermeide also die bloße Aneinanderreihung unglaublicher Geschehnisse, die keine andere Substanz oder Bedeutung haben außer einer farbigen, symbolhaften Ausschmückung.

Dies sind die Regeln, denen ich – unbewusst oder bewusst – folge, seitdem ich ernsthaft versuche Fantasy zu schreiben. Ob ich dabei erfolgreich bin, darüber mag man sich gern streiten. Ich wenigstens bin mir sicher, dass, hätte ich die hier erwähnten Überlegungen nicht angestellt, die Ergebnisse meiner Schreibbemühungen wesentlich schlechter ausgefallen wären als sie es sind.

H.P. Lovecraft Notes on Writing Weird Fiction, 1937, frei (!) übersetzt von E.L. Greiff, 2014. Englischer Originaltext z.B. hier: http://www.hplovecraft.com/writings/texts/essays/nwwf.aspx
Darf ohne Gewinnabsicht und unter Nennung von Autor und Übersetzerin verlinkt und zitiert werden.

 


 

 

Hier als PDF runterladen:

HPLovecraft – Über das Schreiben seltsamer Geschichten

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