DEN KÖNIG SPIELEN IMMER DIE ANDEREN | Der Deutsche Phantastik Preis 2014

Am ersten Oktoberwochenende ist traditionell Buchmesse in Frankfurt – und BuCon in Dreieich. Der Buchmesse Convent ist eine echte Institution, seit fast dreißig Jahren treffen sich dort Menschen, die speziell an fantastischer Literatur interessiert sind. Hier kommt die deutsche Phantastik-Szene zusammen und hier wird auch alljährlich der Deutsche Phantastik Preis verliehen, in verschiedenen Kategorien.

Ich war schon öfter auf einem Con und auch nicht das erste Mal auf dem BuCon, ich mag das sehr, denn die Phantastik-Szene ist durch die Bank entspannt, tolerant und leidenschaftlich an ihren Themen interessiert. In diesem Jahr habe ich jedoch das erste Mal die Verleihung des DPP gesehen. Wie ich die Veranstaltung empfunden habe, habe ich am Folgetag ins Forum der Bibliotheka Phantastika geschrieben:

„Was mich überrascht hat: wie unglamourös und nachgerade laienhaft diese Preisverleihung war. Ich kenne keinen der Beteiligten persönlich und weiß auch nicht, ob irgendwer der Verantwortlichen hier mitliest – aber als Zuschauerin, die das das erste Mal gesehen hat, gebe ich hier mal
ungefragt meine Meinung ab und setzte mich (als Phantastikautorin) auch gern in die Nesseln.

Man kann sich zunächst fragen: Was will man mit einem solchen Preis, der sich immerhin „Deutscher Phantastik Preis“ nennt und somit einen gewissen nationalen Anspruch formuliert, überhaupt bezwecken? Will man Autoren/ Kreative fördern? Wohl kaum, denn es gibt keine Preisgelder. Will man die Phantastik bekannter machen – auch über den Kreis der ohnehin daran Interessierten hinaus? Vielleicht. Sollte das so sein, muss man sich jedoch um die Strahlkraft des Preises echte Sorgen machen.

Zunächst das Prozedere: Von hinterm Vorhang werden Trophäen nach vorn auf ein kleines mit einer Plastikdecke behängtes Bistrotischchen geräumt. Dabei reden zwei Männer in Anzügen dummes Zeug. Moderieren ist schwieriger als man glaubt. Dann kommen im Windows Movie Maker zusammengestoppelte Einspielerfilmchen, deren Off im Prinzip ordentlich gesprochen ist – wäre das Ganze nicht so fürchterlich ausgesteuert, dass sich einem die Haare einzeln aufstellen. Wurde das nicht geprobt? Gab es niemanden mit Ohren? Nächste Frage: Gibt es unter all den Illustratoren-Profis in der Branche nicht einen/ eine, der/ die bereit gewesen wäre, eine etwas fantastischere Grafik beizusteuern? Die Einspieler warteten nämlich mit Stockmaterial auf (einer Art Weltkugel), mit der man evtl. eine News-Sendung beginnen kann, aber – sorry – doch nicht den Deutschen Phantastik Preis!

Wundern kann man sich zudem darüber, dass einem ausdrücklich an fantastischer Literatur interessierten Publikum vollkommen merkbefreite Moderatorendialoge über das Wesen und die Bedeutung von Kurzgeschichten und Romanen zugemutet werden, aber null Infos über die nominierten oder gar ausgezeichneten Werke. Da werden dann dämliche Pressetexte runtergeleiert. Warum wird nicht ein winziger Auszug aus dem entsprechenden Werk gelesen? Dafür wäre Zeit, wenn das ganze andere Gehampel wegfallen würde. Da sitzen hunderte von interessierten potenziellen Lesern – und werden mit rein gar nichts angefüttert. Als Autor kann man das beinahe skandalös finden (respektlos sowieso).

Ja, so etwas macht Arbeit. So etwas erfordert Ernsthaftigkeit und Liebe. Davon habe ich gestern nichts mitbekommen. Wenn sich die paar Leute der Szene, die sich seit Jahrzehnten kennen, weiterhin gegenseitig Preise verleihen wollen: bitteschön, weiter so. Wenn irgendjemand von außerhalb Phantastik ernst nehmen soll, wenn sich das Genre in Deutschland neue Leser- und Käuferschichten erschließen will, dann wäre meiner Meinung nach die Verleihung des Deutschen Phantastik Preises eine Stellschraube, an der man drehen könnte.“

(Hier der Strang im Forum, den man auch lesen kann ohne sich anzumelden.)

Ich habe mich also ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und dass nicht sofort jemand kam und mich rausgeschubst hat, finde ich bemerkenswert. Im Gegenteil hat der, der sich hätte zurecht angegriffen fühlen können – nämlich Guido Latz, der die ganze Auswertung und, soweit ich weiß, auch Organisation am Bein hat – sehr souverän reagiert:

„Ich habe die Kritik gelesen, kopiert und werde es weiterleiten. Fundierte Kritik sehen wir immer gern; kommt selten vor. Danke. Intern besprechen wir immer alles. Nicht immer gibt es aber öffentlich Feedback. Zum Teil manchmal direkt.“

(Hier der Link zum Post.)

So – und nun? Das kann es nicht gewesen sein und ist es auch nicht. Während der Strang im Forum der BP eine andere Richtung eingeschlagen hat, möchte ich hier danach forschen, warum ich mich eigentlich dermaßen aufgeregt habe. Und auch Wünsche und Gedanken dazu äußern, wie man es mMn besser machen könnte.

Woher kommt diese Empörung?

Zunächst: Alles subjektiv. Ich reagiere als Individuum – und als jemand, der zwar im Genre schreibt, in der Phantastik-Szene aber nicht verwurzelt ist. (Ich war nie Fan von irgendwas oder irgendwem, Frank Zappa mal ausgenommen. Ich habe Phasen, in denen ich viel von einem bestimmten Autor, einer bestimmten Autorin lese. Und dann kommt wieder etwas anderes.) Eigentlich komme ich nämlich von der Literaturliteratur. Allein das zu erwähnen, nervt mich schon – denn es sind die Genregrenzen, die ich als extrem einengend empfinde. Als Autorin kann ich noch so literarische Fantasy schreiben, die Literaturliteratur wendet sich ab. Manchmal still bedauernd, manchmal die Hoffnung, ich möge doch „wieder mal was Richtiges“ schreiben offen aussprechend. Damit kein Missverständnis aufkommt: Der sogenannte Betrieb ist mir schnurz, und zwar der Literaturliteratur-Betrieb genauso wie der Fantastikliteratur-Betrieb, denn den gibt’s ja auch. Mir geht es ums Schreiben und um die Leser. Und um die Professionalität – die hat der Literaturliteratur-Betrieb (LLB) allerdings deutlich besser drauf als der Fantastikliteratur-Betrieb (FLB). Ich empöre mich darüber, dass bei der Verleihung des allein schon durch die Namensgebung einen gewissen Anspruch formulierenden Deutschen Phantastik Preises so vieles von dem offenbar wird, was die Welten des LLB von der des FLB trennt. Auf der Website des dpp steht:

„Dotiert ist der Preis nicht, die Sieger erhalten auf einer feierlichen Zeremonie auf dem Buchmesse-Con allerdings eine sehr schöne Trophäe und können sich zukünftig mit dem Preis schmücken in der Gewissheit, dass sie vom Publikum gewählt und damit geschätzt wurden.“

Feierlich war es eben nicht. Es wurde auch nicht gefeiert. Es war – siehe oben. Niemand von außen, der diese Veranstaltung erlebt hat, wird danach auch nur ein einziges Werk der Phantastik kennenlernen wollen. Jeder, der auch nur ein einziges Vorurteil gegenüber Fantasy und diesem ganzen eskapistischen Zeug hatte, wird sich nach der Veranstaltung darin bestätigt fühlen. Und das macht mich einfach fertig. Ich wünsche mir Durchlässigkeit und Neugierde, ich würde gern Menschen erreichen, die denken Fantasy et al. seien nichts für sie – und diese Menschen dann überraschen von der Qualität und Vielfältigkeit, von der Verspieltheit und philosophischen Tiefe, die das Genre in seinen ganzen Facetten auszeichnen. Was würde sich da besser eignen als ein Event wie die Verleihung des dpp? Ich rufe euch zu: Werdet erwachsen! Nehmt euch selbst und eure Kunst ernst! Und vor allem: Seid nicht vermeintlich lässig sondern stolz, zelebriert ein Fest der Kreativität.

Den König spielen immer die anderen.

Wer waren denn eigentlich die Nominierten und Preisträger_innen? Sie wurden dem Publikum nicht bzw. nur unzureichend vorgestellt. Sie hatten nicht einmal ein eigenes Mikro, wenn sie sich bedanken wollten, keinen eigenen Ort auf der Bühne, wurden nicht (z.B. durch Licht und/oder Musik) dorthin geleitet – das sind Details, die wichtig sind und sich addieren. Man muss eine_n Preisträger_in würdigen, muss zurücktreten und ihm/ ihr im Wortsinn die Bühne überlassen, ihn/ sie bitten, ein paar Worte zu sagen. Besonders schön ist auch, wenn nicht die Moderation die Preise übergibt, sondern ein_e Laudator_in. Speziell hier wäre es die Gelegenheit, das ausgezeichnete Werk kurz vorzustellen. Für all das braucht es keine Profis, sondern nur Herz. Die Feierlichkeit wird erzeugt – von all denen, die einen solchen Event zur Feier und zum unvergesslichen Erlebnis für die Preisträger_innen machen wollen. Es ist eine alte Theaterweisheit: Den König spielen immer die anderen. Der Erfolg für die Organisatoren wären Menschen, die sich für wenige Minuten wie Könige fühlen und später überhaupt nicht mehr wissen, was sie auf der Bühne ins Mikro gestammelt haben.

Nicht schimpfen, besser machen.

Wer in die Öffentlichkeit tritt, gar ins Scheinwerferlicht, der setzt sich der Kritik aus. Auch ich tue das im Forum und hier mit diesem Text. Mein Wunsch nach mehr Ernsthaftigkeit und Glamour für den dpp ist genau das: mein Wunsch. Andere mögen sich anderes wünschen oder nichts. Ich biete hiermit meine Mithilfe, meine Erfahrung und Zeit an. Moderieren kann ich nicht, aber ich könnte beraten – wenn das denn gewünscht wäre.

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