REMEMBER ME

Schön zu verschwinden ist eine Kunst, die nicht von vielen beherrscht wird. Brasiliens Abgang bei der WM beispielsweise war nicht schön, Herr Wulff ist unschön aus dem Amt verschwunden und was ist eigentlich aus dem Flug MH370 der Malaysian Airlines geworden? Ein rätselhaftes, dramatisches, tränenreiches usw. Verschwinden kommt öfters vor. Auch ab und an ein stilvolles – wie das von Burkhard Spinnen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, kurz: Bachmannpreis. Bei seiner Schlussrede sagte er, niemand solle zur Institution werden, er auch nicht, und 14 Jahre Bachmann seien genug, er höre jetzt auf. Das kann man durchaus schade finden, es ist aber auch okay – und hat eben Stil.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Art des Verschwindens die Art des Gedenkens beeinflusst. Und vielleicht wird man erst recht zu einer Institution, wenn man erinnert wird. Weißt du noch, wie’s unter Spinnen war? werden in Zukunft sicher einige Besucher in Klagenfurt sagen, wenn die Jury neu und anders diskutieren wird.

Unerreicht im schönen Erinnern ist jedenfalls einer meiner allerliebsten tumblr-blogs aller Zeiten: IF WE DON’T, REMEMBER ME

von IWDRM : February 2012 „Laugh and the world laughs with you. Weep and you weep alone.“ Oldboy (2003) Oldboy ist übrigens auch ein Film übers Verschwinden und wieder Auftauchen in der Erinnerung – ein mitunter recht schmerzhafter Prozess.

Ich kann mich (ohne Witz!) nicht erinnern, wie oft und wie lange ich schon auf die “living movie stills” von Gustaf Mantel gestarrt habe. Seine lebenden Stilleben (manchmal auch cinemagraphs genannt) halten die Erinnerung an den jeweiligen Film wach; es sind auf seltsame Weise atmende Momente, vielleicht Bruchstücke der Seele eines Films. Bereits der Titel des Blogs ist übrigens Verschwinden und Erinnern zugleich – nämlich ein Zitat aus dem Film „Kiss me deadly“ von 1955. Der legendäre Privatdetektiv Mike Hammer nimmt eine Anhalterin mit, die ihm aber wieder abhandenkommt (und stirbt), was dann die Filmhandlung in Gang setzt. Die entsprechende Dialogpassage geht so:

Christina Bailey: Get me to that bus stop and forget you ever saw me. If we don’t make it to the bus stop…

Mike Hammer: We will.

Christina Bailey: If we don’t, remember me.

 

 

 

(Beitragstitelbild: Nachtszene in Hong Kong von Matthias Müller)

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6 Gedanken zu “REMEMBER ME

  1. oder halt etwas aus dieser liste:

    http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleEPV2C-1.81811

    „Unüberhörbar weisen «Campari Soda» und «Aline» identische Harmonien auf, und auch inhaltlich gleichen sie sich. In Grandjeans Songs verschwindet der Ich-Erzähler, während es bei Christophe die Liebste war, die im Sturm am Meeresstrand das Weite suchte: «Et j’ai crié, crié, Aline, pour qu’elle revienne.» «Ich glaube, dass die Harmoniefolge dieses Thema in sich trägt», erklärt Grandjean. Tatsächlich bringt das Wühlen in der Plattenkiste der Popmusik-Geschichte Erstaunliches zutage. Sei es das 1992 veröffentlichte Stück «Creep» der Band Radiohead oder deren in den Linernotes deklarierte Inspirationsquelle, «The Air That I Breathe» von The Hollies aus dem Jahr 1974: Immer sind dieselben Harmonien und dieselbe Geschichte zu hören. Ein von Selbstzweifeln geplagter Ich-Erzähler wünscht sich sein eigenes Verschwinden herbei: «If I could make a wish / I think I’d pass.»“

  2. Ja, man sollte den oben von imhof verlinkten sehr schönen Artikel aus dem Jahr 2006 (sechs! Das Internet ist eine Erinnerungsmaschine.) lesen. Und dann sollte man den dort behaupteten schönsten Schweizer Popsong „Campari Soda“ auch anhören. Weil er wirklich schön ist. Hier:

  3. nichts gegen Klaus Nomi, guter Mann, großer Künstler im Fall von „When I am lied in Earth“, Purcell / Didos Lament trifft Emma Kirkby doch den Ton insgesamt besser, weniger Oper, mehr Barock, weniger Vibrato, dafür mehr kristalline Klarheit, gerade bei den Passagen des „Remember me“.

  4. nichts gegen Klaus Nomi, guter Mann, großer Künstler im Fall von „When I am lied in Earth“, Purcell / Didos Lament trifft Emma Kirkby doch den Ton insgesamt besser, weniger Oper, mehr Barock, weniger Vibrato, dafür mehr kristalline Klarheit, gerade bei den Passagen des „Remember me“.

  5. Ja, klar, die Kirkby ist eine Königin, da gibt es keinen Zweifel. Mein persönlicher Purcell-Favorit ist trotzdem Alfred Deller. Interessant auch: Ich kann das Internet vollschreiben und keine Sau kommentiert – kaum verlinke ich ein Stückchen Musik, da kommen die Jungs und zeigen mir ihre Plattensammlung. Merk ich mir!

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