ANGST UND KÖRPER

Lebendig begraben sein gehört zu den Angst-Klassikern für viele Menschen. Dabei geht es nicht um das Nichttotsein im engem Raum unter der Erde, also um Klaustrophobie, sondern um die Unausweichlichkeit des Todes. Eigentlich könnte man denken, daran würden sich Menschen im Laufe ihres Lebens gewöhnen – schließlich endet jedes Leben zu 100% tödlich und der lebendig Begrabene könnte sich auch sagen: Irgendwann lande ich ohnehin in einem Sarg unter der Erde, also genau hier, wozu rege ich mich auf?

Das funktioniert natürlich nicht; es wird um jede Sekunde gekämpft. Wir sind Lebewesen.

Die Vorstellung, im eigenen Körper begraben zu sein, setzt jener Angst ein gemeines, stachliges Krönchen auf. Tiefes Bedauern ist die normale Reaktion, wenn wir von Paraplegikern hören, viele sehr traurige Filme und Bücher widmen sich dem Thema. Als nicht gelähmter Zuschauer oder Leser wird man natürlich zur Bewunderung gezwungen, zum Heulen ja sowieso, und verlässt mit weichen Knien das Kino oder das Sofa. Aber verdammt nochmal – so charakterlich stark und geistreich der Typ im Rollstuhl auch gewesen sein mochte, lieber laufe ich als schwacher und dummer Mensch durch die Gegend. Aber ich laufe! Ich geh allein aufs Klo!

Ich könnte das nicht, ich würde mich umbringen, da hat das Leben doch keinen Sinn mehr. Sagt man so als Fußgänger (oder denkt es) und für Männer wird die Vorstellung keinen mehr hoch zu kriegen (oder davon nichts mitzubekommen) den Sinn einer Existenz im Körpergrab ganz besonders infrage stellen. Oder etwa nicht?

Spontan fallen mir jedenfalls eine ganze Menge Männer ein, deren körperlicher Verwüstung mit noch wüsteren Fantasien begegnet wurde und ich muss sagen, schon als Kind hat mich das fasziniert. Es begann mit dem Six Million Dollar Man, einer, wie ich damals fand, großartigen Fernsehserie, bei der ein verunglückter Pilot nur durch eine 6 Mio. Dollar teure Operation gerettet werden kann. Er bekommt bionische Körperteile und fortan bekämpft er als Superheld alles Mögliche. (Nebenbei: The Six Million Dollar Man hatte 108 Folgen, The Seven Million Dollar Woman nur 58 – dabei waren die einzelnen Episoden aber länger. Ich habe Million Dollar Woman nie besonders gemocht.)

6 mio

Wer hätte es gedacht, diese beiden Läufer sind schwerst behindert. „The Six Million Dollar Man“ Lee Majors, Lindsay Wagner | Bild: mptvimages.com

Robocop hat mich damals natürlich auch begeistert und mein Lieblings-Marvel-Held ist (direkt nach Spidey) Iron Man. Es gibt noch viele Bionik-Filme/-Bücher/-Spiele/-Comics unterschiedlicher Qualität und Zielrichtung – Vollständigkeit interessiert mich nicht besonders, sondern bei all dem der Aspekt der Angst und deren Überwindung bzw. der unter Umständen sehr aufwändige Versuch.

Wie bei Pacific Rim. Ein Fest der Bewältigung. Und absolut konsequent: Hier wurde die Limitierung des menschlichen Körpers insgesamt als Behinderung begriffen; um die riesigen Kampfanzüge zu steuern braucht es gleich zwei topfitte Piloten, die auch noch ihre Gedanken gleichschalten müssen. Es verschmelzen ein Mann und eine Frau und eine Maschine zu einem einzigen übermächtigen Etwas: zu einem Gott. Denn letztlich kann die wüste Fantasie vom Verlassen des Körpergrabs nur bis ganz nach oben, bis zur Überwindung von allem führen.

Nicht behindert, sondern in körperlicher Bestform. Mann und Frau und Maschine kämpfen gegen die Vernichtung der Menschheit. „Pacific Rim“ Charlie Hunnam, Rinko Kikuchi | Bild: Warner

Nicht behindert, sondern in körperlicher Bestform. Mann und Frau und Maschine kämpfen gegen die Vernichtung der Menschheit. „Pacific Rim“ Charlie Hunnam, Rinko Kikuchi | Bild: Warner

Dass der Mensch schwach ist, aber über sich hinauswachsen kann, ist keine neue Erkenntnis. Wenn wir jemandem begegnen, der gelähmt ist, hoffen wir ja immer genau darauf. Und sind zugleich froh, dass der Kelch bisher an uns vorüber gegangen ist. Aber was, wenn Morgen alles vorbei ist – fast? Nicht tot, sondern begraben? Wie soll man denn das Lebewesen in sich niederringen, wenn man sich nicht mehr rühren kann?

Bionik-Fantasie: Eins mit der Maschine. | Bild: Mondo

Bionik-Fantasie: Eins mit der Maschine. | Bild: Mondo

Die Lücke zwischen Film und Wirklichkeit scheint mir beim Mensch-Maschinen-Thema besonders groß und zwar irgendwie seit immer. Die Special Effects des 6 Mio. Dollar Manns waren im Vergleich zu Pacific Rim so lahm, dass man das eigentlich gar nicht vergleichen kann. Aber im Verhältnis zu dem, was zur jeweiligen Zeit in der Realität machbar war/ist, sind beide Fantasien beinahe gleich utopisch. So könnte es beispielsweise sein, dass eine Frau wie Jan Scheuermann die Figur des Del Spooner (dargestellt von Will Smith) im Film „I, Robot“ ziemlich zum Kotzen findet. Detective Spooner ist nämlich sehr technikskeptisch obwohl er einen fantastischen und sehr echt aussehenden Roboterarm hat. Die 54jährige Scheuermann hat auch einen Roboterarm. Sie nennt ihn Hector.

Sonden im Gehirn, Hilfsarm an die Wand geschraubt: Die seit 14 Jahren gelähmte Jan Scheuermann stapelt Plastikhütchen. | Bild: UPMC

Sonden im Gehirn, Hilfsarm an die Wand geschraubt: Die seit 14 Jahren gelähmte Jan Scheuermann stapelt Plastikhütchen. | Bild: UPMC

Wie unendlich mühsam es ist, einen in seinem Körper begrabenen Menschen wieder herauszuholen, ist nicht unbedingt Stoff fürs Actionkino. Wie sehr das alles eine fortgesetzte Geschichte des Scheiterns ist, kann man hier nachlesen: MIT Technology Review, The Thought Experiment. (Und ja, das ist ein Longread, was auch sonst.)

Our call was ending. The moment was awkward. I could hang up the phone, but she couldn’t. Her husband had gone out shopping. Hector was back in the lab. She was alone and couldn’t move. “That’s all right,” Scheuermann said. “I’ll just let the phone slip to the floor. Good-bye.”

Antonio Regalado, Verfasser des Artikels „The Thought Experiment“ über das Ende seines Telefon-Interviews mit der vollständig gelähmten Jan Scheuermann.

Und, lässt sich die Angst überwinden? Gibt es eine Schlussfolgerung? Nein, eigentlich nicht. Ich beschäftige mich schon so lange mit dem Thema und ganz aktuell wieder, weil eine meiner Romanfiguren ein solches Schicksal erleidet. Ein Körpergrab bleibt für mich eine der schrecklichsten Formen der Existenz, meine Bewunderung für Samuel Koch bleibt auch und wenn ich Geld hätte, würde ich es gern der Forschung geben. Ich vermute, mit sechs Millionen Dollar ist es heutzutage nicht getan und war es wohl auch nie.

(Beitragstitelbild: Luke Skywalker nach der Verstümmelung durch Darth Vader, Michael Crawford, mwctoys.com)

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Ein Gedanke zu “ANGST UND KÖRPER

  1. Die Angst kenne ich natürlich auch. Ich glaube ja, dass es bei diesen Ängsten oft gar nicht wirklich nur um die Möglichkeit geht, als Mensch, wie man jetzt ist, begraben zu sein, sondern dass es um unsere Lebenskraft geht, die oft schon viel früher und auf ganz andere Weise begraben ist – nämlich unter unserem Verstand und, da Geist und Körper eins sind, auch wieder unter unserem Körper. Jede Manifestierung ist sozusagen nicht nur Ausdruck von Lebenskraft, sondern auch ihre Begrenzung.
    Insofern wird man das Thema wahrscheinlich nie ganz los. Aber Aussagen von Antonio Damasio in seinen Büchern oder Menschen wie Jan Scheuerman machen da ein bisschen Mut, finde ich, dass ein solches Schicksal doch zu überstehen wäre – auch wenn – oder gerade weil? – sich das Leben ganz anders anfühlen würde.
    Brrr, garstiges Thema, aber interessant! Und ich bin gespannt auf das, was du mit deiner Figur vorhast 😉

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